
Die Aufregung nach dem israelkritischen Gedicht von Gnter Grass ist gro. Im FOCUS-Online-Interview erklrt der emeritierte sthetik-Professor Bazon Brock, welche Botschaft Israels an die USA Grass eigentlich htte erkennen mssen.
FOCUS Online:
Herr Professor Brock, wie kommen Sie zu einer solchen Annahme?
Professor Brock: Es ist wirklich bedenklich, wenn jemand meint, die Welt existiere nur, wenn er sie durch seine eigene Aussprache anerkenne. Das heit: Grass sagt, er msse das Schweigen brechen, um zu sagen, von Israel gehe eine Gefahr fr den Weltfrieden aus. Obwohl seit 40 Jahren vor allem die islamischen Staaten, zuletzt die Trkei und die gesamte deutsche Linke das sagen. Es geht also hier ganz offensichtlich eine psychiatrische Aufflligkeit mit jemandem durch. Das Erste, was ich dachte, war: Grass ist nicht mehr Herr seiner Sinne. Grass folgt keiner politischen Debatte, sondern er sieht sich als allmchtig nur durch sein eigenes Diktum. Das ist ein gefhrlicher Wirklichkeitsverlust.
FOCUS Online: Sehen Sie die Zeilen von Grass berhaupt als Gedicht?
Brock: Grass nennt es ein Gedicht. Er tritt als Literat auf und desavouiert eine ganze Gattung. Denn wenn das ein Gedicht sein soll, was er da runterschmiert, dann gibt es berhaupt keine Dichtung mehr. Da sind ja Holper-Stolper-Formulierungen drin wie „… wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialitt darin besteht, allesvernichtende Sprengkpfe dorthin lenken zu knnen, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befrchtung von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muss …“. Selbst auf dem Dorf wrde ein Leitartikler einer Ladenerffnungszeitung einen solchen Unsinn nicht mehr schreiben. Das ist die Kapitulation vor der Fhigkeit, irgendeinen Gedanken zu formulieren. Das ist der Verlust der Souvernitt, etwas Anspruchsvolles zu meistern.
FOCUS Online: Denken Sie, er hat die Zeilen absichtlich so formuliert?
Brock: Nein! Er hat in gravierender Weise Kontrollverlust erlitten. Weil er selber ein durch und durch totalitrer Charakter ist, ist es bei ihm wirklich Natur geworden, anzunehmen, wenn er etwas sage, dann habe das Bedeutung. Er denkt: Wenn ich, der Nobelpreistrger, spreche, dann interessiert ihn das, was die anderen bereits seit 40 Jahren sagen, einen Dreck. Dieses Symptom ist durch jahrzehntelanges Hofieren durch alle Medien und die Verleihung des Nobelpreises an Grass entstanden, der grenwahnsinnig und allmachtswahnsinnig geworden ist. Der darin typisch deutsch ist, dass er diese Allmachtsvorstellung nutzt, um zu sagen, ich will doch blo die Welt retten, whrend ihr anderen sie einfach nur vernichten wollt. Das ist wirklich eine traurige Kuriositt.
FOCUS Online: Was hat Grass gesellschaftlich angerichtet?
Brock: Das interessiert ihn nicht. Wer sich selbst in den Mittelpunkt stellt und wie Kaiser Wilhelm sagt: Was Kunst ist, bestimme ich – im Falle von Grass: Was ein Gedicht ist, bestimme ich –, der nimmt auf die Gesellschaft keine Rcksicht.
FOCUS Online: Sie kritisieren scharf. Htte Grass denn eine Chance gehabt, auf etwas aufmerksam zu machen?
Brock: Wenn er auf den tatschlichen Punkt gestoen wre, bei dem es in dieser Aktion gegangen ist, dann htte er auch eine Chance gehabt. Aber es ist hchst bedenklich, dass er diesen Punkt nicht gesehen hat. Er hat es also nicht durchdacht oder er konnte es nicht durchdenken. Es war einfach ein Reflex, kindisch und bld.
FOCUS Online: Was wre der Punkt gewesen?
Brock: Das Kernstck htte sein mssen: Warum schenkt Israels Ministerprsident Netanjahu US-Prsident Obama bei dessen letztem Besuch eine Festrolle mit dem Buch „Esther“, das die Diaspora der Juden am persischen Hof schildert? Grass htte schreiben knnen, was es bedeutet, wenn sich ein Volk auf Literatur berufen muss, wie etwa die Deutschen auf das Nibelungen-Lied, um Nibelungen-Treue zu beschwren. Das wre eines Literaten wrdig gewesen.
FOCUS Online: Netanjahu hat Obama auch Aufzeichnungen des US-Auenministeriums bergeben, die 1944 erstellt wurden und aus denen hervorgeht, dass trotz Bitten von jdischen, polnischen und anderen Exilanten das KZ Ausschwitz nicht verhindert wurde.
Brock: Es gab nur sechs Eisenbahngleise nach Auschwitz. Wenn diese gesprengt worden wren, htte es Auschwitz nie geben knnen. Roosevelt, Stalin und Churchill haben das systematische Tten von Juden trotz klarer Beweise nicht unterbunden. Sie htten diese Gleise sprengen knnen, doch sie haben es nicht getan. Netanjahu gibt Obama damit zu verstehen, dass die Amerikaner damals den Holocaust nicht verhindert haben und sich damit mitschuldig gemacht haben. Hier stecken also die groen Dimensionen in diesem Fall und die htte ein Grass erkennen mssen. Doch mit seinen Zeilen ist er in der Widersinnigkeit geendet.
FOCUS Online: Auf welche aktuellen Ereignisse spielte Netanjahu mit dieser Botschaft an?
Brock: Die klare Botschaft, die hier berbracht wird, ist, dass es eine solche Situation wie Auschwitz nie weder geben darf. Damit wird eine neue Dimension erffnet, weil Netanjahu klar sagt, dass auch die Amerikaner Schuld am Holocaust haben. Netanjahus Botschaft ist klar: Amerika muss den Prventivschlag mit Israel gegen den Iran fhren oder glaubhaft versichern, dass die Iraner keine Atombombe bauen. Doch mit diplomatischen Mitteln wird das nicht funktionieren. Das funktionierte schon in Indien, Pakistan und Nordkorea nicht. Deshalb wird es auch nicht im Iran funktionieren. Und der Iran hat als erklrtes Ziel die Vernichtung von Israel. Deshalb gibt es von Netanjahu eine klare Botschaft an die amerikanischen Freunde. Das htte der Literat Gnter Grass errtern knnen, als eine Stimme unter Millionen Stimmen. Offenbar hlt er solche Nachbarschaft seiner nicht fr bedenkenswert.
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