Israel und die Bombe: Was Grass in seinem umstrittenen Gedicht andeutet, wurde in Jauchs ARD-Talk diskutiert. Es ging dabei ans Grundstzliche des deutsch-israelischen Verhltnisses. Von Ralf Isermann
Mit seinen 91 Jahren ist er ruhiger geworden, der Marcel Reich-Ranicki. Vor wenigen Jahren htte er seinem Lieblingsfeind Gnter Grass wohl eine ordentliche verbale Tracht Prgel fr dessen Israel-Gedicht verpasst. Doch jetzt?
Grass hat einfach literarisch nichts mehr im Angebot
Fast schon altersmilde ging er mit dem Dichter zu Gericht, den er auch schon mal krftig verrissen hat. “Man lsst es noch zwei Wochen liegen, dann ist der Fall erledigt”, sagte der sichtbar greis gewordene Literaturkritiker in einem bei Gnther Jauch eingespielten Interview.
“Spielerei” sei der in aller Welt diskutierte Text. Nicht angenehm, “er hat ein bisschen Skandal gemacht”. Aber dass der Literaturnobelpreistrger, der sich erst spt zu seiner Vergangenheit bei der SS bekannt hat, ein Antisemit sein knnte, das sei nicht wahr.
Ein ganz anderes Motiv vermutet Reich-Ranicki: nmlich, dass Grass nun auf diese Art fr Aufmerksamkeit sorgen muss, weil er mit seinen auch schon 84 Jahren literarisch nichts mehr im Angebot hat. “Wre er 75, wre alles ganz anders.”
Die nur kurze Einspielung des Kritikers gengte, um die andauernde Diskussion um den Grass-Text endgltig abzubinden. In Jauchs Runde versuchten sich Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), der Publizist Jakob Augstein, Historiker Michael Wolffsohn, Schauspieler Michael Degen und Schleswig-Holsteins ehemalige Ministerprsidentin Heide Simonis (SPD) zwar auch in eigenen Ergssen zum Motiv und Skandal des Textes.
Doch all dem, was schon gesagt wurde, hatten sie nichts Neues hinzuzufgen. Aber weil sie wohl selbst auch ein bisschen darber mde sind, brachten sie das Gesprch noch auf die andere, bisher wenig diskutierte Ebene der Nahostpolitik.
Schere zwischen verffentlichter und ffentlicher Meinung
Wie ernst ist es eigentlich zwischen Israel und Iran? Welche Rolle nimmt die Regierung Netanjahu da ein? Und welche Deutschland? Besonders Augstein, Herausgeber des Wochenmagazins “Der Freitag”, brannte die politische Ebene sichtlich unter den Ngeln.
Im verschwrerischen Duktus erkannte er eine “ganz groe Schere zwischen der verffentlichten Meinung und der ffentlichen Meinung” in Deutschland. Es werde versucht, eine Grass-Debatte zu fhren, um mglichst nicht das eigentliche Nahost-Thema zu diskutieren.
Woran das liegt? Die auenpolitischen Kommentatoren in Deutschland wrden alle sehr hnlich denken, sie seien “Teil eines Zirkels”. Dem Publikum gefiel die Sichtweise Augsteins, mit Applaus goutierte es seine Einschtzung, dass es abweichende Meinungen da “sehr, sehr schwer” htten.
Wird Israel aus dem Schuldgefhl der Deutschen heraus also tatschlich bei Kriegsplanungen gegen den Iran in Ruhe gelassen, ganz so, wie es bei Grass anklingt? Ein Gedanke, den Regierungsmitglied Niebel weit wegzuschieben versuchte.
“Israel kann auch ohne deutsche Waffen”
“Die Geschichte der Wiedergutmachung ist lngst abgeschlossen. Wir sind strategische Partner mit der einzigen Demokratie im Nahen Osten”, beharrte der FDP-Mann. Doch traf diese Regierungseinschtzung besser den Kern als die von Augstein?
Es ging bei Jauch ans Grundstzliche des deutsch-israelischen Verhltnisses. Simonis etwa prangerte die U-Bootverkufe Deutschlands an Israel an. Die seien schon unter SPD-Bundesregierungen “dmlich” gewesen und mssten nun von Schwarz-Gelb nicht nachgeeifert werden.
Doch so richtig sinnlos wirken diese Lieferungen erst durch das, was sowohl der jdische Historiker Wolffsohn als auch Niebel sagten: “Die israelische Armee kann auch ohne deutsche Waffen.” Denn Israel sei hervorragend mit Waffen ausgestattet.
Merkel hat Israels Sicherheit zur Staatsrson erklrt
Aber dann knnte Deutschland doch eigentlich auf jede Waffenlieferung verzichten und wre vlkerrechtlich fein raus, sollte es tatschlich zu einem befrchteten vlkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran kommen. Doch so einfach ist es nicht – und so einfach wird es zumindest unter einer Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nie mehr werden.
Denn ein weiterer Aspekt der Debatte war das Zugestndnis Merkels vor der Knesset im Jahr 2008, als sie die Sicherheit Israels ausdrcklich mit Blick auf den Iran zur Staatsrson Deutschlands erklrt hatte. “Das heit, die Sicherheit Israels ist fr mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar”, sagte Merkel damals.
Fr Augstein historisch ein beispielloser Akt. “Es hat eine so weitreichende Garantie noch nie gegeben.” Und ein Akt mit weitreichender Folge: Was wird passieren, wenn Israel den Iran angreift? Und das vielleicht sogar mit einer Atombombe? Wie tief steckt Deutschland dann mit drin? “Deutsche Verbrechen werden kein Stck besser, wenn Israel jetzt seinerseits Verbrechen begeht”, sagte Augstein.
Wolffsohn versuchte noch, diese Vorstellung als unrealistisch abzutun. Israels Existenz sei nicht gefhrdet – also msse Merkel nicht fr ihr Wort einstehen. Realpolitisch sei ihr Versprechen nicht so besonders bedeutend.
Lders: Angriff Israels steht unmittelbar bevor
Doch wer Michael Lders glaubt, wird das anders sehen. Lders ist ein so genannter Nahostexperte. Nicht unumstritten, aber hufig zitiert und auch beratend fr die Politik ttig. Nach seiner Einschtzung steht ein israelischer Angriff auf den Iran bereits kurz bevor. “Es gibt verschiedene Hinweise, die in diese Richtung deuten”, sprach er hnlich verschwrerisch wie zuvor Augstein.
Beim Gesprch von Ministerprsident Benjamin Netanjahu mit US-Prsident Barack Obama im Mrz in Washington sei vereinbart worden, noch einmal zwei Monate zu verhandeln. Doch Israel treffe bereits “aktive Kriegsvorbereitungen” und habe von Aserbaidschan bereits die Genehmigung bekommen, von dort aus den Iran anzugreifen. Er sei berzeugt, dass Grass sehr rasch wieder rehabilitiert sein werde, wenn dieser Angriff erfolgt sei, sagte Lders.
Grass hatte Jauchs Einladung ausgeschlagen
War dies Wichtigtuerei? Oder ein Schreckensszenario mit Substanz? Das wisse niemand, sagte Wolffsohn. “Sie werden es nicht vorher ankndigen.” Es kann also nur abgewartet werden, ob das Horror-Szenario von einem Krieg zwischen Israel und Iran mit all seinen Folgen bald in sich zusammenbricht oder ob es Realitt wird.
Grass, der eine Einladung zu Jauch ausgeschlagen hatte, drfte sich freuen, dass nun nicht mehr allein ber seinen Text, sondern auch ber diese Bedrohung diskutiert wird. Seine politische Busenfreundin Heide Simonis bernahm bei Jauch die Rolle der Skeptikerin. “Man ahnt, es geht nicht gut aus.”
Michael Wolffsohn, Historiker: “Ein Knstler darf das Recht auf Irrtum haben, ja, selbst auf Spinnerei. Aber dann muss man auch das Recht haben zu sagen, Junge, du spinnst.”
Jakob Augstein, Publizist: “Deutsche Verbrechen werden kein Stck bessern, wenn Israel jetzt seinerseits Verbrechen begeht.”
Dirk Niebel, Entwicklungsminister (FDP): “Die Geschichte der Wiedergutmachung ist lngst abgeschlossen. Wir sind strategische Partner mit der einzigen Demokratie im Nahen Osten.”
Heide Simonis, ehemalige Ministerprsidentin von Schleswig-Holstein (SPD): “Ich denke schon, dass man Freunde kritisieren darf. Die Frage ist nur, wie man das macht.”
Michael Degen, Schauspieler: “Ein Volk, das einmal den Holocaust durchgemacht hat, will es sich nicht zum zweiten Mal gefallen lassen.”
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