
Seit Tagen treten in Deutschland Flüsse über die Ufer, eine Scheitelwelle jagt die nächste – und allmählich verlagert sich der Schwerpunkt der Katstrophe in den Norden. FOCUS Online entsendet Reporter Florian Festl, um über die Flut zu berichten.
Über Regensburg türmen sich dicke Wolken. Weil mit neuem Regen gerechnet wird, gilt in der Donaustadt noch immer Katastrophenalarm. Derzeit schürfen die Bewohner dort hart werdenden Schlamm aus ihren Häusern. Seit fünf Tagen sind die Helfer im Dauer-Einsatz. Es geht weiter Richtung Deggendorf.
14.58 Uhr: Abstecher von der A93 nach Eining. Dort, wo sonst eine Donaufähre Ausflügler über den Fluß bringt, hat sich eine Auenlandschaft ausgebreitet. Das Häuschen des Biergartens steht fast bis zum Dach im Wasser. Zwischen den Bauernhöfen riecht es brackig, nach Hafen statt nach Mist. Der Fährmann und zwei Helfer der Feuerwehr brechen mit einem Motorboot auf für erste Aufräumarbeiten, um verkeilte Äste zu lösen.
14.46 Uhr: Horst Seehofer hat den Hubschrauber, der hier gerade fehlt. Er spricht im Autoradio auf B5 von einem nie dagewesenen Ausmaß einer Flutkatastrophe in Bayern. Der Ministerpräsident ist nach dem Überflug erschüttert von der Lage in Deggendorf. Im Verkehrsfunk laufen die vielen Sperrungen wegen des Hochwassers.
14.30 Uhr: Auch im kleinen Wolnzach, dem Hopfen-Ort, gibt es Donauschiffer. Einer ist mein Bekannter Klaus Ivanca, er schippert alles, was richtig schwer ist, also Bagger, Kräne, Mähdrescher, über Deggendorf oder Regensburg hinab bis ans Schwarze Meer. Was die Landwirte und Baufirmen hier aussortieren fährt dort unten noch jahrzehntelang weiter. Ivanca spricht von einer „Riesen-Katastrophe“, die sich in diesen Tagen abspielt. Er glaubt, dass seine Donau noch Tage lang nicht schiffbar sein wird. „Dort werden sie aufräumen müssen, die Fahrrinne säubern“, sagt Ivanca. „Da ist so viel kaputt, im Fluss liegen Schuttmassen.“ Es wird eh Zeit, dass mal wieder einer aufräumt in der Donau: „Es würde mich nicht wundern, wenn bei der Bergung auch noch alte Weltkriegspanzer auftauchen.“ Ich frage Ivanca, wie man sich dem Hochwasser am besten nähern kann. Ein Flugzeug, meint er. Die Zufahrten zur Donau in Niederbayern sind weiträumig abgesperrt, auf den Autobahnen dort steht das Wasser meterhoch. Weil ich gerade kein Flugzeug im Vorgarten habe, packe ich meine Sachen, und fahre los – mit dem Auto, ich nehme die A93 Richtung Regensburg.
14.01 Uhr: Jetzt scheint die Sonne, die Vögel zwitschern. Weit weg erscheinen die Bilder aus dem nahen Deggendorf, das teilweise aussieht wie nach einem Tsunami. Ich könnte jetzt in die Redaktion fahren und von dort bis weit in die Nacht hinein über das Hochwasser in Europa berichten – mit Informationen anderer Reporter und aus Nachrichtenagenturen. FOCUS Online sitzt in München, wo die Menschen schon wieder das schöne Wetter in Biergärten genießen. Passt das, wenn gar nicht allzu weit weg die Jahrtausendflut wütet? Ich beschließe, der Flut hinterherzufahren, um das Geschehen für unsere Leser von unterwegs näher und direkter zu schildern.
13.50 Uhr: Wolnzach, mein Wohnort im Norden Münchens, gelegen in der Hallertau. Rundum wird der Hopfen für das Bier angebaut, nur ein Rinnsal fließt an normalen Tagen durch den Marktflecken. Die letzten Tage aber war dieses Bächlein zu einem reißenden Strom angeschwollen, alle Uferwege sind unterspült. Außerhalb des Ortes sammelte sich braune Brühe in großen Seen, wo sonst nur Wiesen sind. Anderswo im Landkreis Pfaffenhofen, zu dem Wolnzach gehört, war es noch schlimmer, Tag und Nacht kämpften Helfer an Ilm und Paar gegen die Fluten, pumpten Keller aus und bauten Sandsackwehre – bis gestern der Katastrophenalarm aufgehoben wurde.
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Hochwasser in Deutschland – In Regensburg schürfen sie Schlamm aus den Häusern





